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06.07.2009

Hanna und Flippa waren begeistert von Chris. Mit seinem Lachen und der fröhlichen Laune hatte er sie von Anfang an auf seiner Seite. Als wir am nächsten Morgen am Frühstückstisch saßen, war Chris immer noch Gesprächsthema Nummer 1.
„Also, wirklich, Layla. Er ist sooo hot!“, erklärte Hanna zum tausendsten Mal und Flippa nickte.
Ich lachte. Ich fand ihn ja selber unglaublich gut aussehend und ich mochte ihn – sehr.
Hanna biss in ihr Marmeladenbrot und schaffte es noch nicht mal mit vollem Mund die Klappe zu halten: „Wirklich, Layla. Warum seid ihr nicht schon längst ein Paar? Ihr steht doch beide auf einander… also?“
Oh man! Und jetzt? Ich zuckte nur mit den Schultern und schob mir eilig einen Löffel voll Müsli in den Mund. Ja, warum waren wir kein Paar? Ich mochte ihn, das wusste ich jetzt. Aber ob er mich genauso mochte, war unklar. Wir verstanden uns prima, wir lachten viel und hatten immer ein Gesprächsthema, aber das ist kein klares Zeichen.
Ich wusste, dass er mich oft musterte, wenn er dachte, ich bemerke es nicht. Das hieß aber auch nichts. Ich schluckte und sah die erwartungsvollen Blicke meiner Freundinnen.
„Ach was!“, sagte ich abwehrend. „Wir sind einfach nur gute Freunde.“
Hanna und Flippa brachen in lautes Gelächter aus.
„Alles klar?“, fragte meine Mutter und streckte den Kopf durch die Küchentür.
Die beiden hatten sich immer noch nicht eingekriegt und winkten nur mit der Hand ab.
„Jaja, klar, alles bestens“, murmelte ich meiner Mutter zu und schob sie wieder raus. Dann wand ich mich den zwei Lachkugeln zu. Mittlerweile rollten sie sich wirklich auf den Stühlen zusammen, mit Tränen in den Augen und knallroten Gesichtern.
„Hab ich den Witz des Jahrhunderts erzählt?“, fragte ich, nachdem sie sich halbwegs beruhigt hatten und sich die Tränen aus den Augenwinkeln wischten. Hanna schüttelte den Kopf.
„Das nicht. Aber merkst du nicht selbst wie Hollywood das hier ist?“, fragte Flippa. „Du lebst hier in einem wunderschönen Haus an einem traumhaften See. Dann zieht ein hübscher Junge mit einem fiesen Vater nebenan ein und ihr verknallt euch wie auf Kommando in einander…“
„… und ihr beide schnallt es einfach nicht. Und dann behauptest du auch noch „wir sind nur gute Freunde“. Das ist sowas von Hollywood!“, beendete Hanna.
Ich schwieg.

12.7.10 22:43


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01.09.2010

Abby, Nick und ich verbrachten in der Schule so gut wie jede Minute zusammen, oft blieben wir nach dem Unterricht noch in der Stadt, gingen Eis essen oder beschäftigten uns irgendwie anders.
Sie halfen mir, zu vergessen – zu mindestens solange wir zusammen waren.
Ich hatte es ihnen noch nicht erzählt und sie fragten nicht nach, wenn mein Blick sich in der Leere verlor und ich in Erinnerungen an … ihn … schwelgte.

Ich vermisste ihn so sehr.
Ich brauchte ihn doch, oder nicht?
Nick und Abby gaben mir halt und zogen mich wieder mehr und mehr in die Gegenwart. Ich lachte mehr, redete mehr und ich begann zu leben. Doch ich fühlte mich schuldig, wenn ich alleine war.
Wenn ich alleine war, dann war alles anders. Dann spürte ich eine kalte Leere in mir und einen stechenden Schmerz in meinem Herzen. Wie konnte ich glücklich sein, und er nicht?
Wieso lebte ich?
12.7.10 22:01


05.07.2009

„Oh mein Gott!“
Ich kreischte vor lauter Überraschung und Begeisterung. Meine zwei besten Freundinnen der ganzen großen Welt standen unten im Flur, als ich verschlafen die Treppe runter gestolpert kam.
„Hanna! Flippa!“, schrie ich, übersprang die letzten drei Stufen und ließ mich in ihre Arme fallen.
„Wieso seid ihr hier? Seit wann seid ihr hier?“, fragte ich aufgeregt, während ich sie einzeln umarmte und meine Lautstärke immer noch nicht runter schraubte. Sie lachten und ich lachte mit ihnen. Hanna hatte ihre braunen Haare zu einem lockeren Pferdeschwanz hochgebunden und trug einen Jeansrock, ein gelbes luftiges Top und passend gelbe Ballerinas. Sie sah umwerfend mit ihrer frischen Sommerbräune.
„Wir wollen Urlaub!“, sagte sie lachend und schüttelte ihren fransigen Pony aus den Augen.
„Deine Mum war einverstanden. Wir können eine Woche hier bleiben“, erklärte Flippa.
Sie sah so anders aus, irgendwas hatte sie verändert. Sie trug weiße Shorts und ein kariertes Top in verschiedenen blautönen. Ihre sonst so blasse Haut hatte ein wunderschönes zartes Braun angenommen und strahlte vor lauter Italiensonne, die sie die letzten vier Wochen abbekommen hatte. Aber das war nicht das, was mich irritierte. Flippa spürte meinen Blick und schüttelte ihre glatten Haare. Natürlich! Ich schlug mir mit der Hand gegen die Stirn.
„Deine Haare!“, schrie ich und verspürte das Verlangen sie anzufassen. Am letzten Schultag, also eigentlich ihr ganzes gesamtes Leben lang war es blond gewesen. Zwar hatte sie immer hellere Strähnchen drinnen, aber das machte ihre Haare nur noch schöner. Jetzt waren sie braun, schokoladig, wie  die braunen Schokoküsse oder Schokopudding oder Nutella. Es sah klasse aus.
„Seit… waaaann?“, fragte ich sie verwundert, während ich mit meinen Fingern durch ihre Haare strich und sie bewunderte. Sie lächelte: „Seit Italien, meine Mum hat mich überredet.“
„Wow!“ Ich pfiff. „Sieht klasse aus!“
„Das habe ich auch gesagt. Und ich hab’s nicht so gelassen genommen wie du“, sagte Hanna und grinste. Das konnte ich mir vorstellen. Hanna nahm Veränderungen nicht so auf die leichte Schulte. Sie liebte Routine und Gewohnheiten und vernachlässigte keine einzige, weder die Tasse Kakao morgens, noch den Riegel Schokolade abends und dafür war sie umwerfend schlank.

Ich zog mich schnell an, ich schlüpfte einfach nur schnell ein luftiges Sommerkleidchen in Karomuster, und wir machten uns lachend und schwatzend auf den Weg durch den Wald zu unserer Lieblingslichtung. Sie war gar nicht so weit entfernt und blad standen wir auf einer wunderschönen saftig grünen Wiese, der gleichen, auf der ich mit Chris lag und Wolkenbilder suchte. Das war das erste, was ich ihnen erzählte. Obwohl ich Chris nun schon so gut wie einen Monat lang kannte – auch wenn es mir wesentlich länger vorkam, als würde ich ihn mein Leben lang kennen würde -, hatte ich den beiden noch nichts von ihm erzählt. Ich hatte nicht die Zeit gefunden. Flippa war seit Ferienbeginn an der Südküste Italiens gewesen und Hanna hatte ihren Vater und dessen neue Familie in den USA besucht. Seit sechs Wochen war sie nun die große Schwester für den kleinen Marcus. Ich holte tief Luft.
„Jemand ist in das frisch renovierte Haus gezogen…“, begann ich und die beiden sprangen zu meiner Erleichterung drauf an. Es war einfach so viel einfacher Fragen zu beantworten, als irgendetwas frei zu erzählen. Denn entweder erzählte man dann mehr als man wollte oder nur langweiliges und uninteressantes.
„Wann?“, fragte Flippa und kassierte einen Rippenstoß von Hanna.
„ ‚Wer?‘ ist viiieel interessanter“, rechtfertigte sie sich, als Flippa sie empört anschaute.
„Ein Mann mit seinem Sohn“, lachte ich und jetzt kamen wir zum wirklich interessanten Teil.
„Seinem Sohn? Wie alt?“ Hanna war die Neugier in Person und wenn es auch noch um Jungs geht, ist sie vollkommen glücklich.
„Sechszehn“ Ich grinste bis über beide Ohren.
„Und? Sieht er gut aus?“, fragte Flippa weiter.
Tja, ich hatte es ja so gewollt, dachte ich und nickte langsam. Die Reaktion war eindeutig: Sie kreischten vor Begeisterung und ließen sich lachend auf die Wiese fallen. Ich setzte mich zu ihnen und wartete geduldig bis ihr Lachanfall vorüber ging.
Es dauerte eine ganze Weile bis sie sich wieder eingekriegt hatten, dann fragten sie mich weiter aus. Ob ich schon mit ihm gesprochen hätte, wie ich ihn fand, ob ich ihn mochte, ob wir uns verabredet hätten. Ich erzählte ihnen, dass wir die letzten drei Wochen, die wir uns kannten, fast jeden Tag irgendetwas zusammen gemacht hatten. Wir waren schwimmen, im Wald spazieren, picknicken, in der Stadt Eis essen.
„Wir haben so viel gemacht, dass ich das Gefühl habe, wir würden uns schon Ewigkeiten kennen“, gab ich zu und ein verlegenes Lächeln huschte über meine Lippen.
„Ohh, wie süüüß!“, kreischten meine besten Freundinnen gleichzeitig und fielen mir freudig um den Hals.
„Wann lernen wir ihn kennen?“, fragte Hanna.
Ich zuckte mit den Schultern. „ Gleich. Wenn ihr wollt“, sagte ich. Heute wollten wir eigentlich in Stadt fahren, Eis essen, in die Bücherei gehen oder was sich sonst noch so ergeben sollte. Ich hatte ja keine Ahnung das Hanna und Flippa kommen würden.
„Wenn wir wollen?“, fragte Hanna ungläubig. „Wenn wir wollen?!“
„Natürlich wollen wir!“, brachte Flippa den Gedanken zu Ende und betonte jedes einzelne Wort.
„Na dann…“, sagte ich und stand auf. „… sollten wir vielleicht mal los. Wir waren um halb Zwölf verabredet.“ Ich schaute auf meine Uhr, genau wie Flippa, und stellte fest, dass es bereits zehn vor Zwölf war.
„Oh-oh“, flüsterte sie und grinste gespielt verlegen. „‘Tschuldigung.“
Wir machten uns auf den Rückweg und als wir an der Trauerweide vorbei kamen, pfiff Flippa bewundernd durch die Zähne. Ich grinste.
Chris lehnte lässig gegen den dicken Stamm und spielte mit seinem Handy. Sein Haar flatterte gewohnt luftig in sein Gesicht und wenn es ihm in die Augen fiel, schüttelte er seinen Kopf kurz auf seine „coole“ Art. Er trug Khakifarbene Shorts und ein rotkariertes Hemd. Heute hatte es die ganze Welt irgendwie mit Karos, und nicht nur weil es der Trend des Sommers war, oder doch?
 Als wir näher kamen, schaute er auf, blickte kurz ein wenig verwirrt und lächelte dann sein umwerfend süßes Lächeln. Da war es wieder, dieses umwerfende, kribbelnde Gefühl im Bauch wie tausend wunderschöne Schmetterlinge.

11.7.10 20:48


30.08.2010

„Layla?“, fragte plötzlich eine weibliche Stimme und zog mich unerwartet aus meinen Erinnerungen.
„Hey! Können Sie mich hören?“, fragte sie weiter.
Ich hatte mich so sehr in die Erinnerung an den Nachmittag vertieft, dass ich vollkommen vergessen hatte, was um mich herum geschehen war.
Als ich meinen Blick der Sonne abwendete, bemerkte ich, dass ich alles unscharf und verschwommen sah. Überrascht blinzelte ich einige Male, bis ich wieder alles richtig erkennen konnte. Frau Walech stand direkt vor mir und die halbe Klasse hatte sich hinter ihr versammelt. Ich fuhr mit meiner Zunge über meine rauen Lippen. Sie schmeckten salzig.
„Oh nein!“, stöhnte ich, wischte mit dem Handrücken über die Wange und spürte die feuchten Linien, die die Tränen unbemerkt darauf hinterlassen hatten. „Nein. Nein. Nein.“, flüsterte ich.
„Alles in Ordnung?“, fragte das Mädchen mit den schrägen Haarfarben. Abigail Parker, das einzige was ich von der Vorstellungsrunde mitbekommen hatte.
„Was? Ja, ja. Alles klar.“, sagte ich schnell und total abwesend. Der Tag war im Eimer, schlimmer konnte er gar nicht mehr werden. Ich bemerkte, dass die anderen sich längst einen Platz gesucht hatten und beeilte mich, mich auf den einzig freien zu setzen: der Platz neben dem Jungen, der mich antippte, als ich mit meinen Gedanken wo anders war. Klasse.
„Entschuldige, dass…“, setzte ich an, als ich mich setzte. Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich ihn Ch… - dass ich ihn verwechselt hatte, doch er winkte nur ab.
„Ist doch schnuppe. Solang du jetzt weißt, wie ich heiße“, sagte er und lächelte freundlich.
Ich versuchte mich auf Frau Walechs Stimme zu konzentrieren und nicht wieder in die Erinnerungen abzuschweifen.
Wir bekamen unseren neuen Stundenplan und als es nach dem ersten Block zur Pause klingelte, verschwand ich so schnell ich konnte, aufs Klo. Dann versuchte ich einen ruhigen Platz zu finden, wo ich in Ruhe etwas nachdenken konnte und neue Kraft zu schöpfen, um meinen Klassenkameraden mit neuer Energie gegenüber treten zu können. Bestimmt sprachen sie schon alle über die verträumte Heulsuse, die mit niemandem sprach und immerzu aus dem Fenster starrte.
Ich ging über den Schulhof und setzte mich auf eine Wiese gleich hinter dem Schulhof. Die meisten Schüler gingen an ihr vorbei und beachteten sie gar nicht. Sie sahen nicht den wunderschönen saftigen Grün-Ton in der warmen  Sonne und bemerkten nicht, diese wundersame Ruhe, die sie ausstrahlte. Das war mir nur recht so, denn so würde ich genauso aus ihrem Gedächtnis verschwinden und nicht weiter beachtet werden.
Ich kramte mein Buch aus meiner Tasche und begann, mich in die Welt des zukünftigen Nordamerikas zu stürzen, dass durch barbarische Hungerspiele von der Diktatur unterdrückt wurde. Es war erschreckend schockierend und zog mich sofort in seinen Bann, auch wenn ich es bereits zum dritten Mal las. Ich vergaß die Welt um mich herum, als die kleine Rue starb und ich Kätniss Gute-Nacht-Lied in meinen Ohren hörte, während sie den kleinen Körper mit Blumen bedeckte. Die Autorin musste eine schauerliche Fantasie, wenn sie so etwas schreiben konnte, aber es war genial. 
„Buh!“, flüsterte mir jemand ins Ohr und ich erschrak so sehr, dass ich kurz schrie, aufsprang und vor lauter Überraschung mein Buch fallen ließ. Es landete mit dem Buchrücken nach oben, sodass der Titel deutlich lesbar war.
Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele. Klingt ja schaurig“, sagte Abigail, grinste mich fröhlich an und beugte sich vor um es aufzuheben und den Klappentext zu lesen. Einige Minuten schwieg sie und Nick, der neben ihr stand, las über ihre Schulter hinweg mit. Ungeduldig und unsicher trat ich von einem Bein aufs andere und beobachtete die beiden, wie sie anscheinend neugierig den Klappentext lasen. Ich wollte weiterlesen.
Am liebsten hätte ich ihr mein Buch aus den Händen gerissen und sie angeblafft, sie sollen verschwinden und mich in Ruhe lassen, aber das war mir zu unfreundlich. Immerhin musste ich die nächsten  drei Jahre mit ihnen in eine Klasse gehen und nur weil ich heute einen offensichtlich schlechten Tag hatte, musste ich mir nicht absichtlich am ersten Tag Feinde machen. Ich schloss so schon schwer genug Freundschaften.
„Wow!“, sagte Abigail, als sie fertig war mit lesen. „Ist es gut?“
Ich nickte. „Genial!“, sagte ich ehrlich.
„Ich hab’s schon gelesen“, teilte Nick uns auf einmal mit und nahm Abigail das Buch aus der Hand. Er blätterte suchend die Seiten um und stoppte plötzlich auf einer. Dann drehte er das Buch um und reichte es mir. Ich sah auf die Seitenzahl. 146. Peetas Liebeserklärung während des Interviews, eine wunderschöne romantische Stelle und echt zum heulen.
„Die beste Stelle“, sagte er nur und zuckte mit den Schultern. Ich lächelte, nickte, suchte die Stelle an der Rue umgebracht wird und reichte ihm wieder das Buch.
„ Das ist die Schönste, aber das hier ist die Traurigste“, erklärte ich und wartete bis er die Seiten überflogen hatte.
„Stimmt.“
Abigail stöhnte und Nick und ich lachten. Ich hatte sie so gut wie vergessen und sie war ziemlich unruhig, weil sie das Buch nicht kannte und keine Ahnung hatte, wovon wir sprachen.
„Ich will es auch mal lesen. Leihst du es mir aus?“, fragte sie mich.
„Klar“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Wenn du es mir wiedergibst?!“
„Neeeeiin!“, sagte sie und man konnte den ironischen Unterton eindeutig raus hören. Wir lachten.
Als es dann plötzlich zur nächsten Stunde klingelte, gingen wir gemeinsam zum Unterricht.
Habe ich meine ersten Freunde gefunden?

11.7.10 20:47


01.07.2009

Ich lag in meinem kuschligen und warmen Bett und lies mir die Sonne ins Gesicht scheinen.
Mein Zimmer war erleuchtet mit ihren Strahlen. Mein Bett stand direkt unter dem Fenster, der Kleiderschrank hinter der Tür und mein Schreibtisch neben der Balkontür. Ich hatte auch eine weiße Kommode, die am fußende meines Bettes stand.
Ich hörte den Vögeln zu, wie sie ihre Guten-Morgen-Lieder sangen. Ich sah der Sonne zu, wie sie sich am Himmel hinauf hangelte. Ich fühlte, wie es wärmer und wärmer wurde.
Schließlich stand ich auf. Vielleicht sehe ich Chris wieder, dachte ich mir und mit einem fröhlichen Grinsen ging ich zu meinem Kleiderschrank. Ich zog die jeansfarbene Bermudas raus und dazu ein pinkes Shirt. Danach lief ich ins Badezimmer. Ich putzte meine Zähne und bürstete meine Haare kurz durch.
Als ich in die Küche kam, stieß ich fast mit Kyle zusammen.
Seine schwarzen Haare waren nass und hingen ihm in die Augen. Er trug seine blaue Badehose und ein dunkelblaues Polo-Hemd. Am liebsten geht mein Bruder morgens schwimmen.
„Um wach zu werden“, sagt er immer. Während der Schule macht er das auch schon mal um fünf Uhr morgens. Außer im Winter natürlich, da ist es viel zu kalt, um schwimmen zu gehen. 
In der einen Hand trug er eine Schüssel mit Cornflakes, in der anderen eine Brötchenhälfte.
„Du kannst auch alles essen!“, sagte ich. Kyle streckte mir nur die Zunge raus.
Ich schüttelte den Kopf und während Kyle im Treppenhaus verschwand, ging ich in die Küche. Mum und Dad waren schon zur Arbeit. Ach, wie gut man es doch hat mit Sommerferien hat.
Ich öffnete die Kühlschranktür und holte Omas Brombeermarmelade raus. Die schmeckte am besten mit den Brötchen.
Vom Küchenfenster hatte man eine traumhafte Aussicht auf den See, die Bäume und auf die Trauerweide, genau wie aus meinem Fenster. Und auf meinem Ast saß ein blonder Junge, der sich gegen den Stamm gelehnt hatte und Löcher in die Luft starrte: Chris!
Mein Herz machte einen Sprung in die Luft.
Ich biss in meine Brötchenhälfte, eilte in die Diele und zog meine Chucks an.
„Ich bin draußen!“, brüllte ich zu Kyle nach oben.
Ich wartete noch nicht einmal seine Antwort ab. Schon hatte ich die Tür zu gezogen und war die Eingangstreppe runtergesprungen. Ich versuchte möglichst unauffällig und sorglos den Weg zur Trauerweide zu gehen.
Als ich ankam, schlich ich zum Stamm, lehnte mich dagegen und sagte: „Chris! Komm sofort darunter!“
Erschrocken fuhr er herum und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Ich lachte.
„Ach, du bist’s!“, sagte er erleichtert.
„Wer sollte es denn sonst sein?“, antwortete ich und setzte mich zu ihm auf den Ast. Ich aß den letzten Bissen meines Brötchens.
Chris zuckte mit den Schultern.
„Mein Vater ist mal wieder sauer auf mich“, sagte er.

Ich schwieg. Was sollte ich schon sagen? Das wird schon wieder, wart‘ ab? Oder lieber: mach dir nichts draus?
Nein! Das ging nicht. Ich hasste es doch selber solche Sprüche zu hören, da konnte ich sie doch nicht auch noch weiter geben. Chris nahm es sichtlich mit, der Stress mit seinem Vater. Er ließ den Kopf hängen und seine Augen glänzten nicht mehr so fröhlich wie gestern.
So wie der Vater mich gestern angeschnauzt hatte, konnte ich ihn aber nur zu gut verstehen. Sein Vater war unerträglich. Ich hatte fast den Eindruck, als würde er den ganzen Tag nur schreien, motzen und meckern.
„Du, Chris?“, fragte ich vorsichtig. Ich wusste nicht, ob er es lieber hatte, dass ich geschwiegen hätte.
„Mhmm?“, machte er nur und starrte weiter auf seine Füße.
Ich wollte ihn unbedingt aufheitern. Zwar hatte ich keine Ahnung, was zwischen ihm und seinem Vater vorgefallen war, aber er konnte ja nicht den ganzen Tag Trübsal blasen.
Mein Blick wanderte zur Seemitte. Dort war eine kleine Plattform aus Holz gebaut worden, für die Besucher, die hier ab und zu mal baden kamen. Eine Rutsche und ein Springbrett waren auch darauf platziert worden. Meistens nutzten es nur meine Freundinnen und ich.
„Lass uns schwimmen gehen!“, rief ich, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hoch. Er wehrte sich noch nicht mal. Er zuckte nur wieder mit den Schultern. „Meinetwegen…“, sagte er.
Er lief zu sich nach Hause, ich zu mir.
Ich rannte hoch in mein Zimmer, meine Eltern waren immer noch nicht da. Anscheinend war Kyle zu einem Freund gefahren, denn als ich in mein Zimmer stürmte, beschwerte er sich nicht darüber, dass ich zu laut sei. Ich kramte in meinen Schubladen nach meinem Bikini. Oder besser gesagt, nach dem Bikini. Ich hatte viele. Vielleicht zu viele.
Ich suchte den Orangenen mit weißen und braunen Kreisen, die mit Gold umrandet waren.
„Na, endlich!“, murmelte ich, als ich ihn fand. Ich zog ihn schnell an und darüber meine Bermudas. Irgendwo müssen doch meine Flip Flops sein. Ich krabbelte auf allen vieren auf dem Paketboden und schaute unter mein Bett und unter die Kommode. Unter meinem Kleiderschrank fand ich sie dann. Wie kamen die da nur hin?
Ich schlüpfte schnell hinein und rannte runter ins Badezimmer.
Ich mochte meine Haare zwar lieber offen, aber damit konnte ich unmöglich schwimmen gehen. Danach würde mein Haar aussehen wie ein Pudels, der durch einen Haufen Kletten gelaufen und dessen Fell ein reinster verwirrter Wollknäul ist. Ich suchte zwei Orangene Haargummis. Wenn schon, denn schon. So schnell es ging, flechtete ich mir zwei Zöpfe, die mir locker auf den Rücken fielen.
„Jetzt aber schnell!“, nuschelte ich.
Ich lief den Weg zur Trauerweide so schnell ich konnte. Chris wartete schon auf mich. Wenn er ungeduldig oder gar genervt war, dann verbarg er es total gut. Seelenruhig und entspannt saß er auf unserem Ast. Von dem Stress von eben war keine Spur mehr. Ob sie sich wieder vertragen haben?
„Hey. Chris. Tut mir leid!“, rief ich ihm zu.
Er schaute vom Wasser auf und lächelte. Er lächelte.
Also hatte er sich mit seinem Vater vertragen. Was hatten die beiden nur?
Naja, immerhin war es Glück für mich, denn dadurch redete er wieder. Und vor allem lächelte er wieder. Die ganze Zeit mit einem schweigenden und mürrisch drein blickenden Chris im See zu schwimmen, habe ich mir nicht gewünscht.
Chris trug eine rot-weiß-schwarz karierte Badehose und sonst nichts. Man ging ja auch nicht mit T-Shirt baden.
Vor dem Baumstamm schlüpfte ich aus meinen Flip Flops und kletterte hoch auf den Ast.
„Meine Güte, hast du lange gebraucht. Hast du dich auch noch neu geschminkt?“, neckte er mich und stupste mich leicht an der Schulter. Und ich boxte ihn direkt in die Seite.
„Haha. Von Wegen. Hab ich es wirklich nötig?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf, sagte: „Nein“, lief geschickt über den breiten Ast und sprang mit einem eleganten Köpper ins Wasser. Als er wieder auftauchte, rieb er sich die Handflächen und lachte.
„Der Boden kam schneller als ich dachte…“, erklärte er.
Ich lachte. „Idiot!“, flüsterte ich und sprang ihm hinterher, allerdings nicht mit einem Köpper.
Da standen wir dann bis zum Bauchnabel im Wasser und wussten nicht wirklich, was wir machen sollten. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und ließ es glitzern und funkeln. Die Bäume ringsherum strahlten in warmen grün und warfen ihre langen Schatten auf den staubigen Boden.
Ich drehte mich einmal im Kreis um diese atemberaubende, bilderbuchhafte Landschaft komplett zu sehen. Sie war wunderschön und einmal mehr war ich dafür dankbar, dass meine Eltern das alte Haus von meiner Großtante geerbt hatten und sich genau wie ich sofort darin verliebt hatten.
Mein Blick fiel auf die kleine Holzinsel mitten im See. Eine Rutsche und ein Sprungbrett waren darauf befestigt worden, um den Sommerurlaubern mehr Unterhaltung bieten zu können.
„Wer zuerst an der Rutsche ist…“, schlug ich vor und wir beide schwammen so schnell es uns möglich war, auch wenn ich eher tauchte. Was will man denn schon mit diesem albernen Kraulen, das Chris bevorzugte, oder dieses komische Brustschwimmen. Schwachsinn. Ich liebte es zu Tauchen, das Wasser komplett um mich zu spüren.
Zu spüren, wie mein Haar sich langsam aber sicher aus meinen Zöpfen löste und sich sachte den Bewegungen des Wassers anpasste.
Zu spüren, wie schwerelos man im Wasser gleiten kann und wie sich selbst die ungeschicklichsten Bewegungen zu geschmeidige verwandeln.
Was besseres kann man einfach nicht spüren, außer vielleicht das angenehme Kribbeln in meinem Bauch, dass ich neuerdings hatte.
Ich war so in meine Gedanken vertieft gewesen, dass ich gar nicht bemerkte wie ich die Insel erreichte. Ich bemerkte auch erst einige Momente später, dass Chris nicht da war. Ich sah nach hinten zur Trauerweide zurück, doch da war er nicht. Er war auch nicht auf der Insel selber.
Er war einfach verschwunden.
Ich wollte gerade zurück schwimmen, um ihn an Land zu suchen, als mich etwas am Bein streifte. Ich schrie erschrocken auf und zog meine Beine soweit es ging an meinen Körper. Wild mit den Armen rudernd schwamm ich einmal um mich selber und versuchte mit zusammengekniffenen Augen etwas im trüben Wasser ausfindig zu machen, aber ich sah nichts.
Plötzlich packte etwas mit festem Griff nach meinem Fußgelenk und zog es mit einem kräftigen Ruck hinab in die Tiefe. Ich konnte gerade noch nach Luft schnappen, bevor mein Kopf unfreiwillig unter die Wasseroberfläche tauchte. Panisch trat und schlug ich mit Armen und Beinen um mich und merkte erst, als mein Fuß gegen Widerstand stieß, dass mich da doch etwas sehr menschliches gepackt hatte. Mit meinem Tritt ließ mich die Hand los und ich schwamm nach oben, um Luft zu holen. Und um zu sehen, wo ich ihn getroffen hatte.
Chris war zu der Insel geschwommen und hatte sich an der Leiter hochgezogen. Jetzt lag er erschöpft und leicht gekrümmt auf den pieksigen Holzbrettern und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, kein Mitgefühl zu zeigen, denn immerhin war es seine eigene Schuld gewesen, überfiel mich doch das schlechte Gewissen. Wer weiß denn schon genau, wo ich ihn getroffen hatte. Vielleicht in der Bauchgegend, vielleicht weiter unten…
Ich schwamm zu ihm.
„Chris?“, fragte ich zaghaft. „Alles okay?“
Ich kniete mich neben ihn und versuchte, irgendetwas aus ihm heraus zu bekommen.
Er schwieg eisern.
„Ach, komm schon, Chris. So schlimm kann es nicht gewesen sein, oder?“ Ich stieß sachte gegen seine Schulter. Ich hoffte, das Ganze ein bisschen aufzulockern.
„Chris?“
Er sagte immer noch nichts. Er lag einfach nur da, stumm wie ein Fisch und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich hatte ihn schlimmer getroffen als ich dachte, als ich hoffte.
Ich zog an seinem Arm, um ihn aufzurichten. Er war zu schwer.
„Ich hol‘ Hilfe“, sagte ich und ging auf die Kante zu.
„Layla…“, hörte ich ihn flüstern. Sofort drehte ich mich um und kniete mich wieder neben ihn.
„Layla…“, flüsterte er wieder. Langsam richtete er sich auf. „… Du bist so Naiv!“, rief er, sprang auf die Beine und schubste mich ins Wasser. Ehe ich mich versah, war ich auch schon wieder im Wasser.
„Vollidiot!“, schrie ich, als ich auftauchte. „Vollidiot, Vollidiot, Vollidiot!“
Er lachte. Er hustete und prustete vor Lachen und kriegte sich gar nicht mehr ein. Er lachte nicht mit mir, ich lachte ja auch gar nicht. Nein! Er lachte mich aus! Er machte sich lustig über mich, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht hatte und in totale Panik geraten war.
Und mit dieser Erkenntnis überkam mich Wut und irgendwie auch ein wenig Verzweiflung.
„Vollidiot!“, schrie ich noch einmal, bevor ich zurück zum Ufer schwamm.
Chris rief mir hinterher, ich solle doch lachen. Es war doch alles nur ein Spaß, er hatte es nicht ernst gemeint. Vollidiot. Dachte er, er machte es dadurch besser?
„Layla!“, rief er. „Hey! Komm schon.“

11.7.10 20:46


30.08.2010

Heute war mein erster Schultag nach den großen Ferien…
nach einem sehr schrecklichen Ereignis.
In einer neuen Schule…

Still und alleine ging ich über den Schulhof. Um mich herum waren zwar viele Leute, aber ich nahm keinen einzigen war. Ich dachte daran, wie ich vor den Ferien mit ihm und meinen Freunden vor der Schule gesessen hatte. Ich hatte mit ihnen gelacht, wir hatten über die Lehrer geredet, über die anderen Schüler. Wir hatten Spaß.

Die anderen redeten, erzählten ihren Freunden von den Ferien, ihren Urlaubsreisen. Sie umarmten sich und lachten miteinander. Für sie war es ein ganz normaler Schultag nach den großen Ferien, für mich war es, als wäre ich Millionen Jahre weg gewesen und würde jetzt in einer komplett anderen Welt leben. Und alles nur weil ein Mensch fehlte.

Ich schaute mich um. Dieser Schulhof war so anders und obwohl ich gehofft hatte, er wäre anders genug um zu vergessen, erinnerte er mich an so viele lustige Momente mit ihm.
Ich war nie mit ihm hier gewesen, ich war nie mit ihm über diesen Schulhof gegangen, und doch dachte ich an all die Male, die ich mit ihm über den alten Schulhof gegangen war.
Ich wollte nicht in die neue Klasse gehen. Ich wollte keine Menschen sehen, die mich nach meinem Namen fragten, wo ich herkam und warum ich jetzt hier war. Ich wollte zu Hause sein und meinen Fuß in den Georgia-See halten, das kalte Nass auf meiner Haut spüren. Ich wollte Bäume sehen, keine Buchstaben,  Zahlen und Formeln.
Aber es musste sein. Schule war wichtig, und irgendwann musste ich dahin gehen, hatte meine Mutter heute Morgen gesagt, als ich versuchte, mich zu weigern.  
Und dieses „irgendwann“ war nun mal heute.

Ich erreichte mit vielen anderen Unbekannten den neuen Klassenraum. Ein recht großer Raum, mit blass gelben Wänden und einundzwanzig mehr oder weniger mittgenommenen Tischen und Stühlen.  Wir stellten die Stühle in einen Kreis und alle setzten sich, während die neue Lehrerin sich vorstellte.
„Mein Name ist Jonna Walech, Ihre neue Klassenlehrerin. Ich bin einunddreißig Jahre alt und in meiner Freizeit gehe ich gerne Spazieren.“
Und damit fing die Vorstellungsrunde an. Wir mussten unseren Namen, unser Alter und auf welcher Schule wir vorher waren nennen und wenn wir wollten, könnten wir auch unser Hobby sagen oder was uns sonst noch so einfallen würde. Frau Walech übergab das Wort an ein Mädchen mit schwarzen Haaren und violetten, roten und blauen Strähnen, das die Haare locker zu zwei Zöpfen hochgebunden hatte. Sie erinnerte mich total an Abby von Navy CIS und wahrscheinlich war sie genauso durchgeknallt wie sie.
„Ich heiß‘ Abigail Mason, bin 17 Jahre alt und komm‘ von der Rachelle-Parker-Hausschule.“
Alles lachte, nur ich nicht. Ich hatte nur mit halbem Ohr zugehört und die ganze Zeit aus dem Fenster gestarrt. Die Bäume vor dem Gebäude leuchteten in schönen grüntönen, genau wie an dem ersten Tag, an dem er und ich uns kennen lernten…
Ich bemerkte nicht, wie die anderen zwischen Abigail und mir sich vorstellten, und als der Junge rechts von mir mich antippte, zuckte ich unwillkürlich zusammen.
„Chris?“, fragte ich überrascht.
„Ääh… Nick“, sagte er und musterte mich irritiert. Plötzlich fielen mir die vielen fremden Gesichter auf und mir wurde peinlich bewusst, wo ich mich befand.
Ich setzte mich auf, lächelte entschuldigend und wandte meinen Blick meinen neuen Klassenkameraden entgegen, die mich nun voller Neugier anstarrten.
„Layla Parker, 16, Ellen-Brandon-Gymnasium.“
Ich bemerkte nicht die Enttäuschung, die den anderen im Gesicht stand, dass ich nicht mehr von mir erzählte. Ich hörte nicht, wie der Junge links von mir hieß oder die danach. Ich nahm nichts war außer der Sonne.
Die Sonne strahlte hell und wärmte meine Hände, die auf dem Tisch vor mir lagen. Genau so hatte sie geschienen, als er und ich im See schwimmen waren.
Wir hatten auch immer unsere Späße miteinander.
11.7.10 20:43


18.06.2009

Ich saß auf einem breiten Ast der alten Trauerweide am Georgia-See und schaute verträumt durch die Gegend. Am Ufer rund um den See standen nur drei Häuser, von denen zwei schon seit Jahren leer standen. Das Haus am gegenüberliegenden Ufer war verwahrlost und bestimmt hatten sich schon abertausende Termiten in den hölzernen Wänden eingenistet. Links von mir stand ein weißes gepflegtes Haus. Allerdings war das nicht immer so gewesen. Bis vor einigen Monaten hatte es noch so wie das Haus gegenüber ausgesehen. Kaputte Fensterläden, durchlöcherte Holzvertäfelungen und ein Schild mit der Aufschrift:
                                               Vorsicht! Einsturzgefahr!
                               Eltern haften für ihre Kinder!

Dann kamen jeden Tag Handwerker, die daran arbeiteten, das Haus wieder bewohnbar zu machen. Sie erneuerten das Holz, strichen es weiß an, schraubten neue grüne Fensterläden an, pflanzten kleine Bäume und junge Setzlinge, legten einen neuen Weg an und bauten eine neue Eingangstreppe. Den ganzen Tag hörte man rund um den See nur noch das Klopfen der Hammer und das regelmäßige Ratschen der Sägen. Ich war noch nie in dem Haus drinnen, aber dort haben sie bestimmt noch mehr gestrichen, erneuert und geschraubt. 
Ich wohnte mit meinen Eltern und meinem älteren Bruder Kyle in dem Haus rechts von der alten Trauerweide.
Es war ein altes Haus, aber ich liebte es. Die Treppe knarzte unter den Füßen, der Wind rauschte durch die Fenster und die Rohre krachten. Von außen war es mit altem dunklem Holz vertäfelt, die Fensterrahmen strahlten in frisch gestrichenem Weiß. In den Blumenkästen vor den Fenstern waren lila- und rosafarbene Blumen eingepflanzt. Ein kleiner Steinweg führte zu einer ebenfalls hölzernen Eingangstreppe, welche hinauf zu einer weißen Eingangstür führte. Mum hatte zu beiden Seiten des Weges Rosensträucher gepflanzt, die nun im Sommer rot leuchteten.
Wir wohnten in einer fast schon idyllischen Gegend. Autos fuhren hier so gut wie keine. Gelegentlich fand sich mal ein Tourist ein, aber ansonsten wohnten wir sehr abgelegen und für uns allein. An die Rückseite grenzte ein riesiger Garten mit Obstbäumen und einem Kräutergarten.
Die einzigen drei Grundstücke waren alle von Bäumen umgeben. Das machte es so gut wie unausweichlich, dass sich hin und wieder mal ein Wanderer in den Garten verirrte. Aber die waren bisher alle ganz freundlich und Mum bot ihnen ein Glas Wasser an.

Ich ließ meine Füße in den See baumeln und beobachtete die Enten am Ufer. Eine Entenmutter schwamm mit ihren Küken neben meinem Fuß vorbei. Ihre schwarz-braunen Federn streiften meine Zehen und ich lächelte. Laut quakend schwammen sie vorbei und zur Mitte des Sees hin. Ich beugte mich vor und sah, wie noch mehr Enten der kleinen Entenfamilie hinterher schwammen. Wie friedlich sie mit einander auskamen. Ein Küken tauchte mit dem Kopf Unterwasser und wackelte mit dem Schwänzchen in der Luft. Als es wieder auftauchte, hatte es eine Brotkrume im Schnabel.
Ich beobachtete weiter meine Füße, folgte mit den Augen den Schneisen die sie im Wasser für wenige Millisekunden hinterließen. Ich spürte etwas Glattes an meinem Fußballen und sah den Schatten eines kleinen Keus. Ich wusste, dass im See Fische waren und doch quietschte ich leise, als die kalte Haut meinen Fuß berührte. Ich beugte mich noch weiter vor um weitere Fische erspähen zu können. Aber ich sah nur, wie ein Entenküken aufgeregt quakend versuchte, seine Geschwister und seine Mutter einzuholen. Meine Haare fielen mir ins Gesicht, als ich dem Entchen hinterher blickte. Ich hatte blonde Locken und ließ sie mir meistens über die Schulter fallen. Manchmal band ich sie mir auch mit einem Zopfgummi zusammen oder flechtete sie mir in zwei Zöpfe. 
Ich hob meine Hand und strich mir die Haare aus meinem Gesicht.
Aus den Augenwinkeln sah ich die Silhouette eines Jungen. Er stand am Stamm der Trauerweide und bewegte sich nicht. Wie lange er da wohl steht? Ich stand auf und drehte mich zu ihm um. Neugierig musterte ich ihn. Er hatte braune Haare und strahlend blaue Augen. Er trug ein blaues Polohemd, Jeans und Flipflops. Ich balancierte über den Ast auf ihn zu.
„Wer bist du?“, fragte ich, als ich plötzlich den Halt verlor, abrutschte und wild mit den Armen rudernd ins Wasser fiel. Ich hatte noch nicht einmal Zeit zu schreien. Ich hörte den lauten Platscher mit dem ich auf dem Wasser aufschlug und spürte, wie mich kaltes Nass umschloss. Nach wenigen Sekunden spürte ich den sandigen Boden unter meinen Füßen. Ich stieß mich ab und holte tief Luft, als ich mit dem Kopf wieder über Wasser war. Der Junge stand nicht weit entfernt im Wasser und schaute mich an. Ich sah gerade noch wie Panik und Angst aus seinem Blick wichen und offenkundiger Erleichterung platzmachten.
Er fing an zu lachen. Ich musste urkomisch aussehen, mit den nassen Haaren und dem nassen Kleid. Ein Glück das ich heut Morgen kein Weißes angezogen habe!  Das wär ja noch schöner gewesen. Aber er sah nicht besser aus.
Sein braunes Haar hing ihm tropfend über den Augen, sein Polo-Shirt klebte an seinem Oberkörper. Seine freundlichen blauen Augen strahlten verschmitzt und belustigt. Ich fing ebenfalls an zu lachen. Ich schüttelte meinen Kopf und ließ wilde kleine Wassertröpfchen durch die Luft sausen. Er prustete noch lauter los und schnellte mit der Hand durch das Wasser. Eine riesige Menge traf mich mitten im Gesicht. Jetzt sah ich noch mehr wie ein begossener Pudel aus. Das würde ich nicht auf mir sitzen lassen. Ich verhakte meine Daumen und ließ meine Hände zu einer Fläche werden. Dann legte ich sie auf die Wasseroberfläche und ließ die Finger blitzschnell aufs Wasser flitschen. Wasser spritzte ihm ins Gesicht und er rieb sich die Augen. Wieder ließ er seine Hand durchs Wasser schnellen und diesmal machte ich es ihm nach. Damit hatte man einen größeren Erfolg, als mit meiner kleinen Methode.
Wir lieferten uns eine bittere Wasserschlacht und lachten bis uns der Hals kratzte. Immer noch kichernd stiegen wir aus dem Wasser und kletterten auf den Ast. Seine Flipflops standen am Stamm der Trauerweide, anscheinend hatte er sie schnell abgestreift bevor er mir hinterher gesprungen war. Wir setzten uns und ließen unsere Füße im Wasser hin und her gleiten. Eine Weile saßen wir nur neben einander und beobachteten unsere Füße.
„Ich heiße übrigens Chris!“, sagte er plötzlich und reichte mir seine Hand.
Ich reichte ihm meine und sagte: „Ich heiß Layla.“
Er schüttelte meine Hand und wir grinsten uns an.
„Layla?“, fragte er nachdenklich.
Ich schaute zu ihm. Er schien etwas zu überlegen. Er öffnete den Mund um etwas zu sagen, schloss ihn aber direkt wieder. Irgendetwas schien in zu beschäftigen. Ich hackte nach: „Ja?“
 „Ach, nichts.“ Damit schubste Chris mich wieder in den See. Ich kreischte.
„Na warte!“, rief ich, als ich wieder mit beiden Beinen, zwar im Wasser, aber auf festen Boden stand, und zog an seinem Bein. Langsam aber sicher rutschte er von dem Ast hinunter und ins Wasser. Eine erneute Schlacht begann und sie endete erst als wir erschöpft und atemlos vor Lachen die Hände hoben.
„Frieden?“, keuchte er.
„Frieden!“, bestätigte ich.
Ich watete an Chris vorbei und zum Ufer. Seufzend ließ ich mich auf dem Ast nieder, auf dem ich schon den halben Tag gesessen hatte. Chris hockte sich direkt neben mich und eine Weile beobachteten wir, wie die aufgescheuchte Entenfamilie langsam zurück kam. Irgendwann wurde mir die Stille zu unheimlich.
„Wo wohnst du eigentlich? Normalerweise bin ich die Einzige hier in der Gegend.“
„Ich bin heute erst hergezogen. In das große weiße Haus dahinten.“
Er zeigte auf das weiße Haus, das gerade erst renoviert worden war. Die Bewohner waren schon lange bevor wir in unser Haus zogen, ausgezogen. Ich lachte.
„Ach, deshalb waren im letzten halben Jahr die ganzen Handwerker da.“
Er nickte und schaute zu seinem neuen zu Hause. Man sah nur die Eingangstreppe, der Rest war hinter den Bäumen verschwunden. Zwei Männer schleppten ein Sofa zum Haus. Der eine war groß und schlank und hatte mausbraune Haare. Er war um die fünfundvierzig. Der andere schien deutlich jünger zu sein, hatte schwarze Haare und trug einen Dreitagebart. Beide hatten das Gesicht vor Anstrengung verzerrt und torkelten mit dem Sofa zwischen ihnen, als hätten sie ein wenig über den Durst getrunken. Das Sofa musste verdammt schwer sein. Gespannt starrte ich auf die Lücke zwischen den Bäumen. Ob er Geschwister hat?
Die Männer trugen gerade einen großen Bildschirm zum Haus, als ein Mann im Anzug laut schreiend über den Kiesweg gestapft kam.
„Was zum Teufel machen Sie da, Sie Volltrottel! Der Fernseher sollte doch erst ganz zum Schluss ins Haus getragen werden. Muss man denn hier alles alleine machen?“
Der Mann mit den mausbraunen Haaren sah verwirrt seinen Kollegen an. Dieser zuckte nur mit den Achseln und meinte: „Verzeihen Sie bitte. Wir haben das total vergessen.“
Sie buchsierten den Fernseher zurück zum Möbelwagen und kletterten kurze Zeit später mit einem Gemälde heraus. Es war einen halben Meter breit und einen Meter hoch. Der Rahmen war gute Fünf Zentimeter dick und schimmerte Gold im Sonnenlicht. Eine Frau mit schwarzen Haaren und leuchtend blauen Augen war abgebildet. Sie hatte eine verblüffende Ähnlichkeit mit Chris.
„Ist das deine Mutter?“, fragte ich ihn, während die Möbelpacker das Gemälde zum Haus trugen.
Er schluckte, nickte und schwieg.
Ich ließ meinen Blick schweifen. Die Bäume um den Georgia-See hatten saftig grüne Blätter und wehten im sanften Wind hin und her. Ich sah, wie meine Mutter den blauen Van aus der Einfahrt lenkte und zum Einkaufen davon brauste. Chris schwieg immer noch und starrte wütend zu dem Mann im Anzug, der unruhig von einem Bein auf das andere trat und die Möbelpacker beobachtete. Wenn das sein Vater ist, dann ist er arm dran.
„Seien Sie gefälligst vorsichtig. In der Kiste sind wichtige, leicht zerbrechliche Gegenstände“, schnauzte der Mann den Jüngeren an. Dieser starrte betrübt und Verlegen auf den Boden und hastete unter den strengen Augen der anderen davon. 
 Mein Blick fiel auf eine Wolke, die aussah wie ein Herz.
„Hey, guck mal.“ Ich tippte Chris an und zeigte zum Himmel.
„Was ist da? Oh, ein Herz. Das ist aber schön.“
Es schien ihm zu gefallen, deshalb nahm ich ihn bei der Hand, zog ihn hoch und balancierte mit ihm über den Ast.
„Komm mit!“, sagte ich nur. Ich führte ihn durch ein Stück Wald und im Slalom um die Bäume. Schließlich traten wir auf eine saftig grüne Wiese, die überseht war mit Gänseblümchen und Butterblumen. Ich führte ihn in die Mitte und setzte mich. Chris setzte sich neben mich.
„Und jetzt?“, fragte er. Ich lächelte, legte mich auf den Rücken und suchte den Himmel nach Wolkenbildern ab. Er legte sich auch auf den Rücken und durchsuchte das Meer aus weißer Watte. Die Sonne schien uns ins Gesicht und ich musste die Augen zukneifen um irgendetwas zu sehn. Ein paar Vögel flogen über uns hinweg und zwitscherten fröhlich als wollten sie sagen: Ach, ist das ein herrlicher Tag. 
„Guck mal. Da ist das Herz. Und da ist Schiff. Siehst du seine großen Segel? Da!“ Er deutete auf ein Wolkenbild links von uns.
„Ja, und da ist ein Schmetterling.“, sagte ich und zeigte mit meiner Hand auf eine Wolke weiter rechts von uns.
Es war wundervoll einfach nur so im Gras zu liegen und ohne Bedenken den Wolken zuzusehen.
Chris und ich kannten uns erst seit wenigen Augenblicken und doch fühlte ich mich bei ihm wohl. So als würden wir uns schon seit Jahren kennen, als ob wir für einander geschaffen wären.
Ich legte meinen Kopf schräg und schaute ihn mir an.
Er hatte die Augen geschlossen und hielt sein Gesicht zur Sonne.
Seine Haut war glatt wie Marmor und rein wie Kristall. Fransen seines braunen Haares fielen ihm über die geschlossenen Augen. Auf seiner Nase und unter seinen Augen waren ein paar einzelne Sommersprossen verteilt. Nicht so wie bei mir, wo sie im Sommer die ganze Nase besprenkeln und die Arme und alles was sich sonst noch der Sonne zeigt. Bei ihm sah das richtig süß aus.
Ein Grinsen schlich sich in sein Gesicht, aber er hielt die Augen geschlossen.
„Was ist?“, flüsterte er.
Blitzschnell wandte ich mich wieder dem Himmel zu und tat, als hätte ich die ganze Zeit nichts anderes gemacht. Aber ich wusste, dass er wusste, dass ich ihn beobachtet hatte.
Ich drehte mich auf die Seite, legte meinen Ellenbogen auf den Rasen und stützte meinen Kopf in meine Hand. Ich versuchte, eine Unschuldsmiene aufzusetzen.
„Was meinst du?“, fragte ich in betont verwunderten Ton. Er hatte sich ebenfalls auf die Seite gelegt und den Kopf auf die Hand gestützt. Jetzt schaute er mich an.
„Ach, ich weiß nicht. Ich hatte das Gefühl ich würde beobachtet werden.“, sagte er überfreundlich.
„Oje, tatsächlich?“, spielte ich, kokett lächelnd.
„Aber ja! Und ich habe eine junge Dame in Verdacht.“
„Nicht Ihr Ernst. Dann müssen wir sie aber schleunigst aufsuchen und befragen.“, antwortete ich ganz besonders zuvorkommend und sprang auf. Rasch lief ich Richtung Wald und tat so, als würde ich jemanden suchen. Chris lief mir hinterher, schlang mir einen Arm um die Hüfte und hielt mich fest.
„Ich hab sie!“, flüsterte er mir ins Ohr. Ich lachte und versuchte mich aus seinem Griff zu entwinden, doch er hielt fest, bis ich ihn irgendwann mal in das Handgelenk biss. Ausversehen natürlich.
„Hey!“, rief er und ließ mich los. „Das war nicht fair!“  
Ich kicherte und grinste breit.
„Selber schuld!“, sagte ich. „Gegen dich habe ich doch nie und nimmer eine Chance.“
Ich drehte mich um und lief. Flink wie ein Wiesel raste ich durch den Wald und zurück zur alten Trauerweide. Ich rannte im Zick Zack zwischen den Bäumen hin und her und hörte seine Schritte deutlich hinter mir. Ich hörte, wie seine Füße kleine, morsche Äste zertraten und wie das Laub unter ihnen raschelte.
„Du kriegst mich nicht!“, lachte ich.
„Oh, doch. Das werde ich!“
Ich sah schon die Trauerweide vor mir als ich meinen Kopf zu ihm umwand um zu schauen wie weit hinter mir er war. Chris war nur ein paar Schritte hinter mir.
Plötzlich blieb er stehen und wurde kreidebleich.
Doch es war zu spät. In vollem Tempo stieß ich mit jemandem zusammen und zog ihn zu Boden.
„Was zum Teufel…!“, schrie derjenige.
Ach, du meine Güte!
Ich rappelte mich zuerst auf und betrachtete das von mir verursachte Chaos.
Chris‘ Vater lag mit seinem teuren Anzug im Dreck, das Gesicht wutentbrannt verzerrt.
„Entschuldigung!“, stotterte ich. „Es tut mir furchtbar leid!“
Das schien ihn aber nicht zu beruhigen.
„Hast du keine Augen im Kopf, du Göre?“, donnerte er. „Bist du etwa blind? Guck doch wohin du läufst! Also wirklich! Mein schöner Anzug.“
Er stand auf und strich seine Hose glatt. Zu mindestens versuchte er es.
„Ich hab mich doch entschuldigt.“, entfuhr es mir.
Der große Mann starrte mich an, kurz davor die Fassung zu verlieren.
„Willst du auch noch frech werden? Mit deinen Eltern werde ich sprechen.“
Machen Sie doch, sagte ich mir. Meine Eltern sind sowieso auf meiner Seite.
Dann fiel sein Blick auf Chris, der betreten von einem Bein aufs andere trat und nichts sagte.
„Christopher! Du kommst sofort rein und hilfst beim ausräumen. Wie kannst du es wagen einfach so zu verschwinden?!“
Chris trottete hinter seinem Vater her, der stolz und mit erhobenem Haupt davon stolzierte. An seinem Rücken klebten jede Menge Blätter und Dreck.
Chris schüttelte entschuldigend den Kopf und ich winkte mit der Hand ab.
„Halb so wild!“, flüsterte ich, als er an mir vorbei ging. Er lächelte traurig.
Er kann ja nichts für seinen Vater.
Ich ging wieder zu meinem Lieblingsplatz auf dem Ast der Trauerweide. Mein Kleid und meine Haare waren mittlerweile getrocknet und auch die Enten waren wieder ans Ufer geschwommen. Verträumt saß ich auf dem Ast, ließ ein Bein vom Ast baumeln und beobachtete das Wasser.
Das war der schönste Tag in meinem Leben. Noch nie hatte ich so viel Spaß hier oben.

11.7.10 20:16


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