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01.07.2009

Ich lag in meinem kuschligen und warmen Bett und lies mir die Sonne ins Gesicht scheinen.
Mein Zimmer war erleuchtet mit ihren Strahlen. Mein Bett stand direkt unter dem Fenster, der Kleiderschrank hinter der Tür und mein Schreibtisch neben der Balkontür. Ich hatte auch eine weiße Kommode, die am fußende meines Bettes stand.
Ich hörte den Vögeln zu, wie sie ihre Guten-Morgen-Lieder sangen. Ich sah der Sonne zu, wie sie sich am Himmel hinauf hangelte. Ich fühlte, wie es wärmer und wärmer wurde.
Schließlich stand ich auf. Vielleicht sehe ich Chris wieder, dachte ich mir und mit einem fröhlichen Grinsen ging ich zu meinem Kleiderschrank. Ich zog die jeansfarbene Bermudas raus und dazu ein pinkes Shirt. Danach lief ich ins Badezimmer. Ich putzte meine Zähne und bürstete meine Haare kurz durch.
Als ich in die Küche kam, stieß ich fast mit Kyle zusammen.
Seine schwarzen Haare waren nass und hingen ihm in die Augen. Er trug seine blaue Badehose und ein dunkelblaues Polo-Hemd. Am liebsten geht mein Bruder morgens schwimmen.
„Um wach zu werden“, sagt er immer. Während der Schule macht er das auch schon mal um fünf Uhr morgens. Außer im Winter natürlich, da ist es viel zu kalt, um schwimmen zu gehen. 
In der einen Hand trug er eine Schüssel mit Cornflakes, in der anderen eine Brötchenhälfte.
„Du kannst auch alles essen!“, sagte ich. Kyle streckte mir nur die Zunge raus.
Ich schüttelte den Kopf und während Kyle im Treppenhaus verschwand, ging ich in die Küche. Mum und Dad waren schon zur Arbeit. Ach, wie gut man es doch hat mit Sommerferien hat.
Ich öffnete die Kühlschranktür und holte Omas Brombeermarmelade raus. Die schmeckte am besten mit den Brötchen.
Vom Küchenfenster hatte man eine traumhafte Aussicht auf den See, die Bäume und auf die Trauerweide, genau wie aus meinem Fenster. Und auf meinem Ast saß ein blonder Junge, der sich gegen den Stamm gelehnt hatte und Löcher in die Luft starrte: Chris!
Mein Herz machte einen Sprung in die Luft.
Ich biss in meine Brötchenhälfte, eilte in die Diele und zog meine Chucks an.
„Ich bin draußen!“, brüllte ich zu Kyle nach oben.
Ich wartete noch nicht einmal seine Antwort ab. Schon hatte ich die Tür zu gezogen und war die Eingangstreppe runtergesprungen. Ich versuchte möglichst unauffällig und sorglos den Weg zur Trauerweide zu gehen.
Als ich ankam, schlich ich zum Stamm, lehnte mich dagegen und sagte: „Chris! Komm sofort darunter!“
Erschrocken fuhr er herum und hätte fast das Gleichgewicht verloren. Ich lachte.
„Ach, du bist’s!“, sagte er erleichtert.
„Wer sollte es denn sonst sein?“, antwortete ich und setzte mich zu ihm auf den Ast. Ich aß den letzten Bissen meines Brötchens.
Chris zuckte mit den Schultern.
„Mein Vater ist mal wieder sauer auf mich“, sagte er.

Ich schwieg. Was sollte ich schon sagen? Das wird schon wieder, wart‘ ab? Oder lieber: mach dir nichts draus?
Nein! Das ging nicht. Ich hasste es doch selber solche Sprüche zu hören, da konnte ich sie doch nicht auch noch weiter geben. Chris nahm es sichtlich mit, der Stress mit seinem Vater. Er ließ den Kopf hängen und seine Augen glänzten nicht mehr so fröhlich wie gestern.
So wie der Vater mich gestern angeschnauzt hatte, konnte ich ihn aber nur zu gut verstehen. Sein Vater war unerträglich. Ich hatte fast den Eindruck, als würde er den ganzen Tag nur schreien, motzen und meckern.
„Du, Chris?“, fragte ich vorsichtig. Ich wusste nicht, ob er es lieber hatte, dass ich geschwiegen hätte.
„Mhmm?“, machte er nur und starrte weiter auf seine Füße.
Ich wollte ihn unbedingt aufheitern. Zwar hatte ich keine Ahnung, was zwischen ihm und seinem Vater vorgefallen war, aber er konnte ja nicht den ganzen Tag Trübsal blasen.
Mein Blick wanderte zur Seemitte. Dort war eine kleine Plattform aus Holz gebaut worden, für die Besucher, die hier ab und zu mal baden kamen. Eine Rutsche und ein Springbrett waren auch darauf platziert worden. Meistens nutzten es nur meine Freundinnen und ich.
„Lass uns schwimmen gehen!“, rief ich, nahm ihn bei der Hand und zog ihn hoch. Er wehrte sich noch nicht mal. Er zuckte nur wieder mit den Schultern. „Meinetwegen…“, sagte er.
Er lief zu sich nach Hause, ich zu mir.
Ich rannte hoch in mein Zimmer, meine Eltern waren immer noch nicht da. Anscheinend war Kyle zu einem Freund gefahren, denn als ich in mein Zimmer stürmte, beschwerte er sich nicht darüber, dass ich zu laut sei. Ich kramte in meinen Schubladen nach meinem Bikini. Oder besser gesagt, nach dem Bikini. Ich hatte viele. Vielleicht zu viele.
Ich suchte den Orangenen mit weißen und braunen Kreisen, die mit Gold umrandet waren.
„Na, endlich!“, murmelte ich, als ich ihn fand. Ich zog ihn schnell an und darüber meine Bermudas. Irgendwo müssen doch meine Flip Flops sein. Ich krabbelte auf allen vieren auf dem Paketboden und schaute unter mein Bett und unter die Kommode. Unter meinem Kleiderschrank fand ich sie dann. Wie kamen die da nur hin?
Ich schlüpfte schnell hinein und rannte runter ins Badezimmer.
Ich mochte meine Haare zwar lieber offen, aber damit konnte ich unmöglich schwimmen gehen. Danach würde mein Haar aussehen wie ein Pudels, der durch einen Haufen Kletten gelaufen und dessen Fell ein reinster verwirrter Wollknäul ist. Ich suchte zwei Orangene Haargummis. Wenn schon, denn schon. So schnell es ging, flechtete ich mir zwei Zöpfe, die mir locker auf den Rücken fielen.
„Jetzt aber schnell!“, nuschelte ich.
Ich lief den Weg zur Trauerweide so schnell ich konnte. Chris wartete schon auf mich. Wenn er ungeduldig oder gar genervt war, dann verbarg er es total gut. Seelenruhig und entspannt saß er auf unserem Ast. Von dem Stress von eben war keine Spur mehr. Ob sie sich wieder vertragen haben?
„Hey. Chris. Tut mir leid!“, rief ich ihm zu.
Er schaute vom Wasser auf und lächelte. Er lächelte.
Also hatte er sich mit seinem Vater vertragen. Was hatten die beiden nur?
Naja, immerhin war es Glück für mich, denn dadurch redete er wieder. Und vor allem lächelte er wieder. Die ganze Zeit mit einem schweigenden und mürrisch drein blickenden Chris im See zu schwimmen, habe ich mir nicht gewünscht.
Chris trug eine rot-weiß-schwarz karierte Badehose und sonst nichts. Man ging ja auch nicht mit T-Shirt baden.
Vor dem Baumstamm schlüpfte ich aus meinen Flip Flops und kletterte hoch auf den Ast.
„Meine Güte, hast du lange gebraucht. Hast du dich auch noch neu geschminkt?“, neckte er mich und stupste mich leicht an der Schulter. Und ich boxte ihn direkt in die Seite.
„Haha. Von Wegen. Hab ich es wirklich nötig?“, fragte ich.
Er schüttelte den Kopf, sagte: „Nein“, lief geschickt über den breiten Ast und sprang mit einem eleganten Köpper ins Wasser. Als er wieder auftauchte, rieb er sich die Handflächen und lachte.
„Der Boden kam schneller als ich dachte…“, erklärte er.
Ich lachte. „Idiot!“, flüsterte ich und sprang ihm hinterher, allerdings nicht mit einem Köpper.
Da standen wir dann bis zum Bauchnabel im Wasser und wussten nicht wirklich, was wir machen sollten. Die Sonne spiegelte sich im Wasser und ließ es glitzern und funkeln. Die Bäume ringsherum strahlten in warmen grün und warfen ihre langen Schatten auf den staubigen Boden.
Ich drehte mich einmal im Kreis um diese atemberaubende, bilderbuchhafte Landschaft komplett zu sehen. Sie war wunderschön und einmal mehr war ich dafür dankbar, dass meine Eltern das alte Haus von meiner Großtante geerbt hatten und sich genau wie ich sofort darin verliebt hatten.
Mein Blick fiel auf die kleine Holzinsel mitten im See. Eine Rutsche und ein Sprungbrett waren darauf befestigt worden, um den Sommerurlaubern mehr Unterhaltung bieten zu können.
„Wer zuerst an der Rutsche ist…“, schlug ich vor und wir beide schwammen so schnell es uns möglich war, auch wenn ich eher tauchte. Was will man denn schon mit diesem albernen Kraulen, das Chris bevorzugte, oder dieses komische Brustschwimmen. Schwachsinn. Ich liebte es zu Tauchen, das Wasser komplett um mich zu spüren.
Zu spüren, wie mein Haar sich langsam aber sicher aus meinen Zöpfen löste und sich sachte den Bewegungen des Wassers anpasste.
Zu spüren, wie schwerelos man im Wasser gleiten kann und wie sich selbst die ungeschicklichsten Bewegungen zu geschmeidige verwandeln.
Was besseres kann man einfach nicht spüren, außer vielleicht das angenehme Kribbeln in meinem Bauch, dass ich neuerdings hatte.
Ich war so in meine Gedanken vertieft gewesen, dass ich gar nicht bemerkte wie ich die Insel erreichte. Ich bemerkte auch erst einige Momente später, dass Chris nicht da war. Ich sah nach hinten zur Trauerweide zurück, doch da war er nicht. Er war auch nicht auf der Insel selber.
Er war einfach verschwunden.
Ich wollte gerade zurück schwimmen, um ihn an Land zu suchen, als mich etwas am Bein streifte. Ich schrie erschrocken auf und zog meine Beine soweit es ging an meinen Körper. Wild mit den Armen rudernd schwamm ich einmal um mich selber und versuchte mit zusammengekniffenen Augen etwas im trüben Wasser ausfindig zu machen, aber ich sah nichts.
Plötzlich packte etwas mit festem Griff nach meinem Fußgelenk und zog es mit einem kräftigen Ruck hinab in die Tiefe. Ich konnte gerade noch nach Luft schnappen, bevor mein Kopf unfreiwillig unter die Wasseroberfläche tauchte. Panisch trat und schlug ich mit Armen und Beinen um mich und merkte erst, als mein Fuß gegen Widerstand stieß, dass mich da doch etwas sehr menschliches gepackt hatte. Mit meinem Tritt ließ mich die Hand los und ich schwamm nach oben, um Luft zu holen. Und um zu sehen, wo ich ihn getroffen hatte.
Chris war zu der Insel geschwommen und hatte sich an der Leiter hochgezogen. Jetzt lag er erschöpft und leicht gekrümmt auf den pieksigen Holzbrettern und verzog das Gesicht vor Schmerzen. Obwohl ich mir fest vorgenommen hatte, kein Mitgefühl zu zeigen, denn immerhin war es seine eigene Schuld gewesen, überfiel mich doch das schlechte Gewissen. Wer weiß denn schon genau, wo ich ihn getroffen hatte. Vielleicht in der Bauchgegend, vielleicht weiter unten…
Ich schwamm zu ihm.
„Chris?“, fragte ich zaghaft. „Alles okay?“
Ich kniete mich neben ihn und versuchte, irgendetwas aus ihm heraus zu bekommen.
Er schwieg eisern.
„Ach, komm schon, Chris. So schlimm kann es nicht gewesen sein, oder?“ Ich stieß sachte gegen seine Schulter. Ich hoffte, das Ganze ein bisschen aufzulockern.
„Chris?“
Er sagte immer noch nichts. Er lag einfach nur da, stumm wie ein Fisch und mit schmerzverzerrtem Gesicht. Ich hatte ihn schlimmer getroffen als ich dachte, als ich hoffte.
Ich zog an seinem Arm, um ihn aufzurichten. Er war zu schwer.
„Ich hol‘ Hilfe“, sagte ich und ging auf die Kante zu.
„Layla…“, hörte ich ihn flüstern. Sofort drehte ich mich um und kniete mich wieder neben ihn.
„Layla…“, flüsterte er wieder. Langsam richtete er sich auf. „… Du bist so Naiv!“, rief er, sprang auf die Beine und schubste mich ins Wasser. Ehe ich mich versah, war ich auch schon wieder im Wasser.
„Vollidiot!“, schrie ich, als ich auftauchte. „Vollidiot, Vollidiot, Vollidiot!“
Er lachte. Er hustete und prustete vor Lachen und kriegte sich gar nicht mehr ein. Er lachte nicht mit mir, ich lachte ja auch gar nicht. Nein! Er lachte mich aus! Er machte sich lustig über mich, weil ich mir Sorgen um ihn gemacht hatte und in totale Panik geraten war.
Und mit dieser Erkenntnis überkam mich Wut und irgendwie auch ein wenig Verzweiflung.
„Vollidiot!“, schrie ich noch einmal, bevor ich zurück zum Ufer schwamm.
Chris rief mir hinterher, ich solle doch lachen. Es war doch alles nur ein Spaß, er hatte es nicht ernst gemeint. Vollidiot. Dachte er, er machte es dadurch besser?
„Layla!“, rief er. „Hey! Komm schon.“

11.7.10 20:46
 


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