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30.08.2010

„Layla?“, fragte plötzlich eine weibliche Stimme und zog mich unerwartet aus meinen Erinnerungen.
„Hey! Können Sie mich hören?“, fragte sie weiter.
Ich hatte mich so sehr in die Erinnerung an den Nachmittag vertieft, dass ich vollkommen vergessen hatte, was um mich herum geschehen war.
Als ich meinen Blick der Sonne abwendete, bemerkte ich, dass ich alles unscharf und verschwommen sah. Überrascht blinzelte ich einige Male, bis ich wieder alles richtig erkennen konnte. Frau Walech stand direkt vor mir und die halbe Klasse hatte sich hinter ihr versammelt. Ich fuhr mit meiner Zunge über meine rauen Lippen. Sie schmeckten salzig.
„Oh nein!“, stöhnte ich, wischte mit dem Handrücken über die Wange und spürte die feuchten Linien, die die Tränen unbemerkt darauf hinterlassen hatten. „Nein. Nein. Nein.“, flüsterte ich.
„Alles in Ordnung?“, fragte das Mädchen mit den schrägen Haarfarben. Abigail Parker, das einzige was ich von der Vorstellungsrunde mitbekommen hatte.
„Was? Ja, ja. Alles klar.“, sagte ich schnell und total abwesend. Der Tag war im Eimer, schlimmer konnte er gar nicht mehr werden. Ich bemerkte, dass die anderen sich längst einen Platz gesucht hatten und beeilte mich, mich auf den einzig freien zu setzen: der Platz neben dem Jungen, der mich antippte, als ich mit meinen Gedanken wo anders war. Klasse.
„Entschuldige, dass…“, setzte ich an, als ich mich setzte. Ich wollte mich dafür entschuldigen, dass ich ihn Ch… - dass ich ihn verwechselt hatte, doch er winkte nur ab.
„Ist doch schnuppe. Solang du jetzt weißt, wie ich heiße“, sagte er und lächelte freundlich.
Ich versuchte mich auf Frau Walechs Stimme zu konzentrieren und nicht wieder in die Erinnerungen abzuschweifen.
Wir bekamen unseren neuen Stundenplan und als es nach dem ersten Block zur Pause klingelte, verschwand ich so schnell ich konnte, aufs Klo. Dann versuchte ich einen ruhigen Platz zu finden, wo ich in Ruhe etwas nachdenken konnte und neue Kraft zu schöpfen, um meinen Klassenkameraden mit neuer Energie gegenüber treten zu können. Bestimmt sprachen sie schon alle über die verträumte Heulsuse, die mit niemandem sprach und immerzu aus dem Fenster starrte.
Ich ging über den Schulhof und setzte mich auf eine Wiese gleich hinter dem Schulhof. Die meisten Schüler gingen an ihr vorbei und beachteten sie gar nicht. Sie sahen nicht den wunderschönen saftigen Grün-Ton in der warmen  Sonne und bemerkten nicht, diese wundersame Ruhe, die sie ausstrahlte. Das war mir nur recht so, denn so würde ich genauso aus ihrem Gedächtnis verschwinden und nicht weiter beachtet werden.
Ich kramte mein Buch aus meiner Tasche und begann, mich in die Welt des zukünftigen Nordamerikas zu stürzen, dass durch barbarische Hungerspiele von der Diktatur unterdrückt wurde. Es war erschreckend schockierend und zog mich sofort in seinen Bann, auch wenn ich es bereits zum dritten Mal las. Ich vergaß die Welt um mich herum, als die kleine Rue starb und ich Kätniss Gute-Nacht-Lied in meinen Ohren hörte, während sie den kleinen Körper mit Blumen bedeckte. Die Autorin musste eine schauerliche Fantasie, wenn sie so etwas schreiben konnte, aber es war genial. 
„Buh!“, flüsterte mir jemand ins Ohr und ich erschrak so sehr, dass ich kurz schrie, aufsprang und vor lauter Überraschung mein Buch fallen ließ. Es landete mit dem Buchrücken nach oben, sodass der Titel deutlich lesbar war.
Die Tribute von Panem – Tödliche Spiele. Klingt ja schaurig“, sagte Abigail, grinste mich fröhlich an und beugte sich vor um es aufzuheben und den Klappentext zu lesen. Einige Minuten schwieg sie und Nick, der neben ihr stand, las über ihre Schulter hinweg mit. Ungeduldig und unsicher trat ich von einem Bein aufs andere und beobachtete die beiden, wie sie anscheinend neugierig den Klappentext lasen. Ich wollte weiterlesen.
Am liebsten hätte ich ihr mein Buch aus den Händen gerissen und sie angeblafft, sie sollen verschwinden und mich in Ruhe lassen, aber das war mir zu unfreundlich. Immerhin musste ich die nächsten  drei Jahre mit ihnen in eine Klasse gehen und nur weil ich heute einen offensichtlich schlechten Tag hatte, musste ich mir nicht absichtlich am ersten Tag Feinde machen. Ich schloss so schon schwer genug Freundschaften.
„Wow!“, sagte Abigail, als sie fertig war mit lesen. „Ist es gut?“
Ich nickte. „Genial!“, sagte ich ehrlich.
„Ich hab’s schon gelesen“, teilte Nick uns auf einmal mit und nahm Abigail das Buch aus der Hand. Er blätterte suchend die Seiten um und stoppte plötzlich auf einer. Dann drehte er das Buch um und reichte es mir. Ich sah auf die Seitenzahl. 146. Peetas Liebeserklärung während des Interviews, eine wunderschöne romantische Stelle und echt zum heulen.
„Die beste Stelle“, sagte er nur und zuckte mit den Schultern. Ich lächelte, nickte, suchte die Stelle an der Rue umgebracht wird und reichte ihm wieder das Buch.
„ Das ist die Schönste, aber das hier ist die Traurigste“, erklärte ich und wartete bis er die Seiten überflogen hatte.
„Stimmt.“
Abigail stöhnte und Nick und ich lachten. Ich hatte sie so gut wie vergessen und sie war ziemlich unruhig, weil sie das Buch nicht kannte und keine Ahnung hatte, wovon wir sprachen.
„Ich will es auch mal lesen. Leihst du es mir aus?“, fragte sie mich.
„Klar“, sagte ich und zuckte mit den Schultern. „Wenn du es mir wiedergibst?!“
„Neeeeiin!“, sagte sie und man konnte den ironischen Unterton eindeutig raus hören. Wir lachten.
Als es dann plötzlich zur nächsten Stunde klingelte, gingen wir gemeinsam zum Unterricht.
Habe ich meine ersten Freunde gefunden?

11.7.10 20:47
 


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